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Theologie und Naturwissenschaften im Gespräch

Jörg Barthel


Der Ton des Gesprächs zwischen Theologie und Naturwissenschaften ist schärfer geworden. Unter Berufung auf neue Erkenntnisse der Naturwissenschaften erhebt ein aggressiver Atheismus medienwirksam seine Stimme. Im Gegenzug gewinnt auch der religiös begründete Kreationismus an Einfluss. Kirche und Theologie sind herausgefordert, die damit gestellten Fragen ernst zu nehmen und den Dialog mit den Naturwissenschaften zu intensivieren. Dabei ergeben sich typische Gesprächskonstellation, die sich wie folgt umreißen lassen:[1]

 

1. In Konflikt geraten Naturwissenschaften und Theologie, wenn naturwissenschaftliche Theorien und Schöpfungsaussagen als konkurrierende Behauptungen auf derselben Ebene verstanden werden. Dieser Konflikt wird derzeit von zwei entgegengesetzten Seiten her inszeniert: Vertreter des »neuen« Atheismus oder Naturalismus wie Richard Dawkins behaupten, gesicherte Erkenntnis sei allein aufgrund empirischer Beobachtungen und experimentell überprüfbarer Hypothesen möglich. Religiöse Aussagen gelten als nicht wahrheitsfähig; sie sind bestenfalls sinnlos und schlimmstenfalls Wahnvorstellungen.

Dagegen versucht der im Kampf gegen die Evolutionstheorie entstandene Kreationismus, eine Art alternativer Naturwissenschaft auf biblischer Grundlage zu entwickeln. Auch wenn die Aufdeckung von Schwächen und Lücken der Evolutionstheorie breiten Raum einnimmt, ist deren harter Kern ein bestimmtes Bibelverständnis: die Überzeugung, die biblischen Schöpfungsberichte seien auch im historischen und naturwissenschaftlichen Sinne unfehlbar.

Beide Positionen teilen ein bestimmtes Verständnis von Gott und seinem Verhältnis zur Natur: Gottes Handeln gilt als naturwissenschaftlich erkennbare und verrechenbare Größe. Während aber der Naturalismus aus dem methodischen Ausschluss Gottes aus dem Bereich wissenschaftlicher Erkenntnis in eine atheistischen Weltanschauung ableitet, führen die Kreationisten Gott und sein Handeln als Erklärungsfaktor auf der Ebene der Naturprozesse selbst ein. Beide überschreiten auf ihre Weise die Grenze zwischen Wissenschaft und Glaube: In einem Fall wird die Naturwissenschaft zur Ersatzreligion, im anderen der biblische Schöpfungsglaube zur Ersatzwissenschaft.

2. Dagegen wird in Theologie und Naturwissenschaften vielfach betont, naturwissenschaftlichen Theorien und Glaubensaussagen seien zwei unabhängige Erkenntnis- und Sprachformen, die verschiedene Dimensionen der Wirklichkeit betreffen: Theologische Aussagen gründen nicht auf wissenschaftlicher Beobachtung, sondern auf göttlicher Offenbarung und/oder religiöser Erfahrung, sie gelten dem Warum und Wozu, nicht dem Wie der Schöpfung. Gott ist kein Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern Grund und Ziel der Schöpfung im Ganzen. Die biblischen Schöpfungsaussagen sind deshalb nicht als wissenschaftliche Behauptungen im modernen Sinne zu verstehen, sondern als Ausdruck der allein dem Glauben zugänglichen Einsicht, dass die naturwissenschaftlich beschreibbare Welt ihren Ursprung und ihr Ziel nicht in sich selbst, sondern in ihrem Schöpfer hat. Biblischer Schöpfungsglaube konkurriert darum prinzipiell nicht mit den Ergebnissen moderner Naturwissenschaften.

Diese Denkfigur der Unterscheidung hat vor allem das Verhältnis der neueren protestantischen Theologie zu den Naturwissenschaften geprägt. Wer falsche Harmonisierungen und überholte Konfliktstellungen vermeiden will, sollte nicht hinter sie zurückfallen. Allerdings: Wo aus der Unterscheidung eine Trennung wird, läuft die Theologie Gefahr, sich gegenüber den Erkenntnissen der Natur­wissenschaften zu immunisieren und den gemeinsamen Wirklichkeitsbezug aus den Augen zu verlieren. Der gottlosen Welt der Naturwissenschaften steht dann ein weltloser Gott der Theologie gegenüber. Spätestens dort, wo die schiedlich-friedliche Abgrenzung von den Naturwissenschaften selbst in Frage gestellt wird, ist die Theologie zum kritischen Dialog aufgefordert.

3. Dieser Dialog kann auf verschiedenen Ebenen ansetzen. Die Naturwissenschaft selbst kennt Erfahrungen des Staunens, der der Dankbarkeit oder des Schreckens, die zeichenhaft in den Bereich des Glaubens verweisen (A. Benz). Theologie kann Grenzfragen naturwissenschaftlicher Weltbetrachtung und -erklä­rung benennen: Worin gründet die kontingente und doch rationale Ordnung der Welt, die naturwissenschaftliches Erkennen überhaupt erst ermöglicht? Wo liegen die Möglichkeiten und Grenzen der (wissenschaftlichen) Vernunft? Kants Ansinnen, das Wissen aufzuheben (d. h. seine Grenzen zu bestimmen), um zum Glauben Platz zu haben, ist nach wie vor aktuell. Ein wichtiger theologischer Beitrag zum Dialog mit den Naturwissenschaften besteht darin, die Würde und die Grenzen der Vernunft jenseits von Verdammung oder Vergötzung zu reflektieren.

Die Einsicht in Analogien im Verfahren wissenschaftlicher Theoriebildung und theologischer Lehrbildung kann zudem der naiven Vorstellung wehren, Naturwissenschaft habe es mit »objektivem« Wissen und Theologie mit »subjekiver« Erfahrung zu tun. In beiden Bereichen geht es auf unterschiedliche Weise um die Deutung von »Daten«: So wie die Naturwissenschaften empirische Beobachtungen mit Hilfe von Modellen, Theorien und Hypothesen deuten, so die Theologie Glaubenserfahrungen, Rituale und Texte – bei allen methodischen Unterschieden im Detail.

4. Noch einen Schritt weiter gehen Ansätze, die sich um eine Integration naturwissenschaftlicher und theologischer Perspektiven bemühen. Hierher gehört das Bemühen, theologische Lehrstücke wie Schöpfungslehre oder Eschatologie im Licht naturwissenschaftlicher Einsichten neu zu formulieren. So begreift z. B. der englische Physiker und Theologe Arthur Peacocke das Zusammenspiel von Gesetz und Zufall als Modus des Schöpfungshandelns Gottes: Gott determiniert den Prozess der Welt nicht, noch interveniert er in seinen Lücken, sondern er nutzt wie ein Künstler die Spielräume, die im Zusammenwirken von planvoller Ordnung und offenen Möglichkeiten entstehen. In eine ähnliche Richtung geht das auf Alfred North Whitehead zurückgehende Realitätsmodell der Prozessphilosophie bzw. -theologie: Die gesamte Realität erscheint hier als ein dynamischer Prozess von Ereignissen, der bestimmten Gesetzmäßigkeiten gehorcht und sich zugleich in einen offenen Horizont von Möglichkeiten hinein entfaltet. Gott ist Quelle sowohl der Ordnung wie der Innovation. Er begleitet den Weltprozess in seiner schöpferischen und zugleich antwortenden Liebe, indem er jedem Ereignis und dem Prozess im Ganzen sein anfängliches Ziel bestimmt und ihn von innen her zu neuen, reicheren Möglichkeiten der Entfaltung ruft und »lockt«.


 

[1]       Vgl. Ian G. Barbour, Wissenschaft und Glaube, Göttingen 22006.


aus "Podium" 12/2012 (Vorabdruck)


Prof. Dr. Jörg Barthel ist Professor für Altes Testament und Biblische Theologie sowie Rektor der undefinedTheologischen Hochschule Reutligen

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