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Tagträume mit Gott

Robert Seitz

Von Gott reden mit Worten und Bildern unserer Zeit


Es braucht Mut, abseits gesicherter Routen unterwegs zu sein.

Spannendes hat sich abgespielt bei diesen Wegmarken zu neuen Welten:
Sie wurden zuerst immer ausgerissen, oft von Gläubigen. Die neuen Welten wurden einfach geleugnet - Vorhang zu wie auf der Diavolezza, wenn der Nebel kommt. Die grandiose Welt des Piz Palü ist dann einfach nicht mehr da - und doch ist sie Wirklichkeit, jenseits des Nebels.

Auf einer meiner Wanderungen in einem Bergtal begegnete ich einem Freund. Er ist ein begabter Ingenieur, im besten Alter. Die schönsten Holzkonstruktionen in unserem Land kommen von ihm. Eben kommt er zurück von einer  biologischen und geologischen Exkursion in einem Seitental. Geologie ist eines seiner Hobbies. Er sagt zu mir: in diesem kleinen Seitental öffnen sich Welten, riesige, faszinierende, manchmal auch beängstigende Welten. Man lernt hier  ganz neu über die Schöpfungsgeschichte nachdenken. Es ist ein Gespräch über Zeiträume in Millionen von Jahren, über Evolutionen.

Es bewege ihn die Frage, sagt der Mann, wie er das seinen Grosskindern so erzählen könne, dass in ihnen ein Urvertrauen zu dem, der das alles in seiner gütigen Hand umschlossen hält, wachsen könne.

Wir reden miteinander über diese grossen Dinge. Gemeinsam spüren wir: alle diese Zeiten und Welten machen uns den Schöpfer nur noch grösser. Am Ende des Gesprächs sagte er etwas bekümmert: Weißt du, ich kann in meiner Gemeinde unten im Tal mit niemandem über solche Fragen reden. Da sind in den Köpfen und Herzen wie Granit die vergangenen Weltbilder.

Mein Gott, ich leide auch als Pfarrer an Theologien und Glaubensaussagen, die seit Jahrhunderten auf der Diavolezza stehen geblieben sind und den Piz Palü nicht wahrnehmen. Als wären wir noch im dunklen Mittelalter. In ihren Welt- und Gottesbildern kommen die neuen Welten einfach nicht vor. Ich lese Bücher des Glaubens und die neuen Welten sind einfach verschwiegen. Ich öffne ein christliches Buch und manchmal scheint es, als sei hier die Welt noch im Mittelalter. Es hat keine Aufklärung gegeben, keine Befreiung des Denkens. Darwin (bei aller Vorläufigkeit von Darwin) hat offensichtlich nicht existiert oder ist nicht ernst zu nehmen. Ich lese und es scheint, als gäbe es keine Evolutionen, keine von Kulturen geprägten Glaubensaussagen, keine Vorzeichen, unter denen biblische Bücher zu lesen sind.

(S.25)


Mein Gott und die Katastrophen

Aber es gibt Augenblicke, da sehe ich dich, Gott, nirgends in der sichtbaren Welt. Du verstehst, wenn mich das verwirrt.

Die Sintfluten der Erdgeschichte! Wahnsinnskatastrophen - kein ernst zu nehmender Gott darf sie organisiert haben. Es wäre ja der Massenmord eines Gottes, der elend auch kleine Kinder ertrinken lässt. Das Massensterben der Arten vor 200 Millionen Jahren schon! 70-80 Prozent Vernichtung von Leben auf unserem Kontinent in der letzten Eiszeit! Erdbeben, Vulkanausbrüche und Überschwemmungen, und oft trifft es die Ärmsten. Hast du das alles inszeniert, mein Gott? Hast du eines Tages gesagt: Ich will einen grossen Teil des Lebens wieder vernichten? Schaffst du Leben um es nachher wieder zu vernichten, so wie es in den Evolutionen der Schöpfung laufend geschieht? Und die grausamen Gesetze in der Natur, das Fressen und Gefressen werden, lange bevor Adam seine Eva küsste? Wie rechtfertigst du dich angesichts der grausamen Seite der Natur?

Verzeih, mein Gott, aber die unbeschreiblichen Leiden in der Schöpfung werfen neu die alte Frage nach deiner Güte auf: wie bist du zu rechtfertigen in all diesen Vorgängen? Ich darf dir diese Frage stellen. Du bist ein Gott, den ich alles fragen darf, so wie die Menschen in den Psalmen. Und du hast schliesslich schon den unbequemen alten Marcion ausgehalten. Er hat dich verdächtigt, ein grausamer Schöpfergott zu sein. Das will ich nicht, ich sehe ja auch die Wunder und Schönheiten um mich herum, die mir noch niemand zufrieden stellend erklären konnte. Aber ich leide an dieser Frage und es gibt wahrscheinlich keine Antwort in dieser Welt.

Ich kann nicht daran glauben, dass du so viel Leiden in eine Schöpfung hinein programmierst. Entschuldige, aber es regt mich auf, wenn gepredigt wird, Gott schicke solche Katastrophen. Wird je eine gute Mutter oder ein guter Vater seinem Kind schlimmste Leiden schicken? Und es regt mich auf, wenn ein Unglück passiert, und fromme Menschen ziehen dich sofort mit ihren Erklärungen in dieses Unglück hinein. Ja, sie gehen noch weiter und sagen: Gott wird noch mehr Katastrophen senden oder zulassen, wenn ihr nicht umkehrt. Es ist kaum auszuhalten, wenn gewisse Christen von Aids als der Seuche Gottes sprechen. Ist es nicht eher ein total verseuchtes Bild von dir, mein Gott?

Reg dich ruhig auf, sagt mein Gott zu mir. Ich bin tatsächlich nicht der Gott der Katastrophen. Es ist anders: Menschen haben mich in ihrer Daseinsnot in die Katastrophen hinein gelesen, um das Notvolle zu erklären.

Dein Haus der Welt ist in Jahrmilliarden entstanden. Es gibt keinen fertigen Bauplan in der Natur, alles ist nach vorne offen. Es gibt auch leidvolle Entwicklungen, schlechte Entwürfe der Natur neben guten. Verzichte darauf, von einem Plan Gottes zu reden in all diesen Erscheinungen. Versuche nicht, mich aus dem Haus dieses Universums heraus zu erklären. Versuche überhaupt nicht, das Leidvolle zu erklären. Sage nicht vorschnell: das hat Gott zugelassen und das nicht.

Versuche auch nicht, Dämonen oder Teufel als Ursache heranzuziehen. Nein, das musst du nicht. Noch einmal, betrachte alles natürlicher. Es sind Prozesse, die nun einmal so ablaufen. Ich, dein Gott bin da, aber längst nicht in allem, was in der Werkstatt des Kosmos geschieht. Ich bin nicht in allem, aber ich umschliesse das Ganze. In allem, was du nicht verstehst und jetzt auch nicht verstehen könntest, kannst du nicht weiter fallen als bis in deine Arme.

(S.42/S.43)


aus "Tagträume mit Gott"

Verlag BBB, Horgen (Schweiz) 2003


"Tagträume mit Gott" ist bewegt von der Frage: wie können wir, wenn alte Welt- und Gottesbilder stürzen, ermutigend von Gott und Glauben reden?

Robert Seitz, geboren 1940, arbeitet seit einigen Jahren , neben der Gemeindearbeit, als Pfarrer und Theologe in der Gassenarbeit der Stadt Zürich. Dort wird er mit den Krisen und Fragen unserer Zeit konfrontiert.

Bekannt wurde Robert Seitz auch durch seine Mitarbeit in der Sendung "Wort zum Sonntag" bei Fernsehen DRS. Er schreibt und malt und arbeitet öfters in musikalischen Meditationen, zusammen mit dem Pianisten Christoph Fankhäuser.

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