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Gott im Universum finden

Arnold Benz


Auch christliche Astrophysikerinnen und Astrophysiker finden Gott nicht mit dem Fernrohr, selbst nicht in den Daten des modernsten Weltraum-Teleskops. Sie finden keine göttlichen Fingerabdrücke weder im Urknall, in Schwarzen Löchern, noch in der Dunklen Energie, und nicht im intelligenten Design der physikalischen Konstanten. Selbst in ihren Theorien kommt Gott mit keinem Wort vor. Sie messen, beobachten und erklären wie alle anderen Wissenschaftler auch, wie wenn Gott nicht wäre.

Christinnen und Christen finden jedoch unter Umständen und, wenn sie dazu bereit sind, Gott in einer stillen, sternklaren Nacht. Wenn Jupiter oder Venus am Himmel leuchten und sie daran erinnern, dass es 4,6 Milliarden Jahre brauchte, bis auf unserem Planeten Lebewesen entstanden, die sich selbst bewusst sind. Und dass während dieser langen Zeit auf der Erde ideale Bedingungen für die Entwicklung des Lebens herrschten. Wenn die vielen Sterne ihnen ins Gedächtnis rufen, dass es vor der Sonne noch Milliarden früherer Sterne geben musste, in welchen unsere Atome schwerer als Wasserstoff, wie Kohlenstoff und Sauerstoff, entstanden. Wenn das geheimnisvolle Band der Milchstraße sie zum Gedanken anregt, dass diese Sterne nur in Galaxien mit hunderttausend Lichtjahren Durchmesser entstehen können, die sich in zweihundert Millionen Jahren um ihr massive Schwarze Loch im Zentrum drehen. Wenn sie sich dann vielleicht daran erinnern gehört zu haben, dass die Sterne weniger als ein Fünfzigstel der Masse der Milchstraße ausmachen und die große Mehrheit aus Dunkler Materie besteht, deren Bestandteile und Eigenschaften die Wissenschaft noch nicht kennt, ohne die aber keine Galaxien entstehen könnten. Wenn sie sich dann vielleicht vorzustellen versuchen, dass sich Galaxien in Gruppen und Haufen umkreisen und diese sich voneinander bewegen, so dass sich das ganze Universum ausdehnt und immer grösser wird. Wenn sie sich bewusst werden, dass dieses Voneinander gleiten von einer Dunklen Energie getrieben wird, von der Wissenschaftler nur den Namen kennen, die aber drei Viertel der Energie des Universums ausmacht.

In einer solchen stillen Nacht können Christen staunen, dass es ein ganzes Universum braucht, damit sie hier sein können. Viel kleiner als 13,7 Milliarden Lichtjahre und viel jünger als 13.7 Milliarden Jahre seit dem Urknall dürfte das Universum nicht sein. Ohne Dunkle Energie, Dunkle Materie, Galaxien, Sterne und Planeten könnten wir nicht leben. Sie alle übersteigen die Grenzen unserer Vorstellungskraft. Nichts von alledem können wir selbst erzeugen, aber alles ist nötig, dass es uns gibt. Lassen wir das Staunen zu und nehmen daran teil, merken wir, wie im Herzen etwas anklingt. Es gerät in Resonanz, und die Grenzen zum Universum werden fließend. Wir fühlen uns als ein Teil vom Ganzen und merken, dass unser Dasein nicht selbstverständlich ist. Weder Zufall noch ein zwingendes Gesetz erklären, dass wir hier sind. Dann blitzt vielleicht ein „Aha“ durch unser Bewusstsein, dass unser Leben und alles was dazu gehört, besonders auch unsere einzigartige Erde und das ganze Universum, uns geschenkt seien. Und es geht uns auf, dass auch unsere Lebenszeit, jede Stunde, jeder Tag und jedes Jahr,  geschenkt und nicht einfach da sind. Keine rationalen Überlegungen zwingen uns zu diesem Schluss.

In einem solchen Geschenkerlebnis nehmen wir uns und unsere Welt als Schöpfung wahr. Schöpfung hat nicht direkt mit naturwissenschaftlichen Resultaten zu tun, sondern ist eine Erfahrung anderer Art. Es ist ein Erlebnis, an dem wir teilnehmen müssen, um Schöpfung zu erfahren. Es kann uns niemand Schöpfungserfahrung beweisen oder widerlegen. Schöpfungserfahrung ist eine teilnehmende Erfahrung und somit keine naturwissenschaftliche Messung, so wie auch Kunsterlebnisse, wahre Liebe, tiefe Trauer und echte Freude nicht zur Naturwissenschaft gehören. Trotzdem sollen wir sie ernst nehmen, denn sie sind Teil unseres Menschseins und unserer Wirklichkeit.

„Geschenk“ ist ein Bild, zu dem auch  der Beschenkte gehört. Aber auch der „Schenkende“, der Schöpfer, gehört zum Bild. Schöpfungserfahrungen werden auch im Leben, nicht nur im Universum, gemacht. Erlebt man seine Person, das eigene Bewusstsein oder seine Lebenszeit als Geschenk, ändert sich die ganze Optik eines Menschen.


aus "Podium" 12/2012 (Vorabdruck)


Arnold Benz ist emeritierter Professor für Astrophysik an der ETH Zürich und hat 2011 von der Universität Zürich den Ehrendoktor in Theologie bekommen. Sein neustes Buch über Astrophysik und Schöpfung heisst „Das geschenkte Universum“ und ist 2009 im Patmos Verlag erschienen.