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Schöpfung

Walter Klaiber

Das Gespräch mit der Naturwissenschaft


So vielfältig die Berührungen des ersten Schöpfungsberichts mit den altorientalischen Mythen sein mögen, so frappierend sind auch die Unterschiede. Der Text stellt eine in der damaligen Welt einzigartige Mischung von Naturkunde und Theologie dar. Von allen vergleichbaren Schöpfungsmythen hält „nur das biblische Bild der Natur überhaupt einen Vergleich mit den naturwissenschaftlichen Ergebnissen aus". Die Schöpfungsgeschichte von Genesis l ist so etwas wie ein "Mythos im Geist der Naturwissenschaften" und daher ist etwas möglich, was mit anderen Mythen nicht möglich wäre: „ein direkter Vergleich ihres Textes mit der modernen Naturwissenschaft".

Ein solcher Vergleich (wie ihn H. und W. Hemminger auch tatsächlich vornehmen) kann auf die stufenweise Entstehung von Himmel und Erde, von Meer und Festland, von pflanzlichen und tierischen Lebensformen verweisen, weiter auf die bemerkenswerte Unterscheidung zwischen Ausbruch der Urenergie („Licht") und dem Licht der Gestirne oder auf die enge  Zusammenschau von Landtieren und Menschen im Verlauf des sechsten Schöpfungstages., Es ist für den geneigten Leser eindrücklich, wie viele Berührungspunkte es hier gibt, und als Ausleger muss man sich u. U. Zurückhaltung auferlegen, in den antiken Text nicht zu viel moderne Erkenntnisse einzutragen.

Davor mögen dann auch die deutlichen Divergenzen bewahren: Das 7-Tage-Schema widersetzt sich einer naturwissenschaftlichen Erklärung ebenso wie die Vorordnung der Erschaffung der Pflanzen vor die der Gestirne. Ein Versuch zu beweisen, dass die Bibel in etwas bildhafter Ausdrucksweise die Erkenntnisse heutiger Naturwissenschaft schon vorweggenommen habe, ist ebenso verfehlt wie das krampfhafte Bemühen, den Befund heutiger Naturbeobachtung durch die als verbindliche naturwissenschaftliche Darstellung missverstandene Aussagen von Genesis l zu erklären.

Die wirklichen Differenzen und Herausforderungen im Blick auf das Verhältnis zwischen biblischem Bericht und Naturwissenschaft liegen tiefer. Sie entzünden sich an der Grundaussage des ersten Schöpfungsberichts, nämlich der Überzeugung, dass sich Gottes Schöpferwillen in der stufenweisen
Entstehung der Lebensformen auf der Erde zielgerichtet entfalten und in der Erschaffung der Menschheit seine Erfüllung findet.

Diese Sicht einer zielgerichteten Schöpfung hat zwar durch die Entdeckung des so genannten anthropischen Prinzips in der neueren Kosmologie wieder eine gewisse Stütze bekommen; es hat sich nämlich gezeigt, dass der Kosmos schon im Kern seines Entstehens sehr fein abgestimmte physikalische Parameter aufweisen musste, damit überhaupt Strukturen wie Galaxien und Planetensysteme und das System der chemischen Elemente und die darauf basierende Entwicklung des Lebens entstehen konnten.

Wenn sich so aus der Sicht der Kosmologen durchaus Konvergenzen zu den Grundaussagen des Schöpfungsberichts ergeben, so bleibt doch der Widerspruch der Evolutionsbiologie bestehen. Er entsteht nicht so sehr an der Frage nach der Konstanz der von Gott geschaffenen Arten oder nach der Einordnung von Dinosauriern und anderer fossiler Arten oder nach den angeblich immer noch fehlenden „missing links". Das entscheidende Problem liegt an anderer Stelle: Der Schöpfungsbericht zeichnet eine Schöpfung ohne Leid, in der das Faktum des Todes nicht erwähnt wird und in der Tiere wie Menschen sich von der Überproduktion der Pflanzen nähren können. Einer so gestalteten Welt gilt Gottes Urteil: Siehe, es war sehr gut!

Eine solche Welt hat es nach naturwissenschaftlicher Erkenntnis nie gegeben. Für die Evolutionsbiologie gestaltet sich die Entwicklung der Lebensformen als ein beständiger und grausam geführter Kampf ums Dasein. Triebfeder dieses Prozesses, der durch zufällige Mutation und natürliche Selektion gesteuert wird, ist der „Egoismus der Gene"; er hat zwar zu immer angepassteren und lebenstüchtigeren Lebensformen, aber auch in viele Sackgassen der Evolution geführt, die deshalb für die meisten heutigen Biologen keine erkennbare Zielrichtung aufweist. Die neue Evolutionslehre geht nicht mehr vom Bild einer allmählichen Entwicklung von „niederen" zu „höheren" Lebensformen aus, die ihren (vorläufigen) Endpunkt im Entstehen der Menschen gefunden hätte. Das könnte man ja durchaus als „Außenansicht" der in Gen l geschilderten Schöpfungsstufen sehen. Die heutige Evolutionstheorie vermeidet möglichst   jedes Urteil über „höher" oder „niedriger" und verweist darauf, dass es im Laufe der Erdgeschichte mindestens fünf durch Fossilfunde belegte Einschnitte gab, bei denen (durch Klimawandel und andere Katastrophen) jeweils die Mehrzahl der bis dahin entstandenen Lebensformen ausgestorben sind. In der Evolution des Lebens scheint kein „anthropisches Prinzip" erkennbar.

Nicht die Frage, wie für das Auge der beobachtenden Naturwissenschaft das Entstehen unterschiedlicher Lebensformen miteinander verknüpft ist und welche Theorie zur Erklärung dieser Entwicklung benützt wird, ist die eigentliche Anfrage an die Schöpfungstheologie der Bibel, sondern wie die offensichtliche Wirklichkeit einer vom Kampf ums Überleben leidvoll gezeichnete Natur mit der Behauptung einer durch das harmonische Zusammenleben aller Geschöpfe charakterisierten Schöpfung zusammenzubringen ist. Das ist der Punkt, an dem man nicht mehr ohne weiteres sagen kann, Schöpfungstheologie und Naturwissenschaft würden je auf ihre Weise und ohne Konkurrenz zueinander die von Gott geschaffene Wirklichkeit beschreiben. 

Karl Heim hat in seinem Buch „Weltschöpfung und Weltende" davon gesprochen, dass die biblische Erzählung von den sechs Schöpfungstagen „mit einer rückwärts gekehrten Prophetie den Bauplan der Schöpfung ... enthüllt" habe. Er scheint dies in dem Sinne verstanden zu haben, dass dem  priesterlichen Erzähler „eine unsichtbare Hand" die Feder geführt habe, so dass er in Grundzügen schon das beschreiben konnte, was heute die paläontologische Forschung im Detail entfaltet. Das ist - wie wir sahen - doch eine etwas naive, apologetische Darstellung des Tatbestands. Man wird aber fragen dürfen, ob das Wort von der „rückwärts gekehrten Prophetie" nicht eine tiefere Bedeutung hat. Ging es dem biblischen Erzähler bei seinem Bericht über Gottes Schöpfung tatsächlich um die gleiche Wirklichkeit, die die Naturwissenschaften erforschen, oder beschreibt er in der von Gott geschaffenen Welt weniger den vorfindlichen Kosmos, sondern die Welt, wie Gott sie gemeint hat? Jürgen Ebach hat in diesem Zusammenhang den ersten Schöpfungsbericht als eine „utopische Erinnerung" bezeichnet; indem sie vom
Ursprung des Menschen berichtet, beschreibt sie sein Ziel. Was bedeutet das für unser Verständnis der biblischen Aussage von der Schöpfung Gottes?

Diesen Fragen werden wir noch einmal nachgehen müssen, wenn wir uns im nächsten Abschnitt auch den zweiten Schöpfungsbericht und insbesondere seine Erzählung vom Paradies angesehen haben.

(S.42-46)


(jeweils unter Auslassung der Fußnoten)

aus "Schöpfung"

Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen (2005)

ISBN-13: 978-3-525-61589-8


Dr. theol. Walter Klaiber ist Bischof i.R. der Evangelisch-methodistischen Kirche und war Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Deutschland (ACK).